Flusswanderung über den Rheinfall von Schaffhausen nach Rheinau
Historisches, Interessantes, Natur & Kultur

Goethe und seine Schweizerreisen in die Bergwelt

 Download als Bettmümpfeli 

1779: Reise zum wahren Selbst

Stand die Reise in die Schweiz von 1775 also biografisch unter den Vorzeichen der „Flucht und Rückkehr“ zu Lili Schönemann, war sie epochengeschichtlich durchdrungen vom Zeitgeist des „Sturm und Drang“ und der „Werther“-Empfindsamkeit und brachte sie Goethe die erste überwältigende Begegnung mit dem Rheinfall und dem Gotthardmassiv, so steht nun die zweite Schweizerreise von 1779 unter gewandelten Auspizien.

Seit vier Jahren in der kleinen Residenzstadt Weimar ansässig, als Minister in der Regierung des Herzogs Carl August tätig, beglückt und doch auch gefangen in der Liebe zur verheirateten Frau von Stein – „Ach, du warst in abgelebten Zeiten / Meine Schwester oder meine Frau“ schreibt er ihr schon 1776 –, Goethe also sieht sich jetzt eingespannt in mannigfache Verpflichtungen. Jene, die ihm am meisten am Herzen liegt, ist ohne Zweifel diese – dem um acht Jahre jüngeren, also erst 22jährigen Carl August geistig und menschlich bei seinem Heranreifen beizustehen, um ihn für seine schwierige Aufgabe als regierender Herzog immer geeigneter zu machen. Diese Reise wird mithin unter dem hochgesteckten Ziel der Bildung und Weiterentwicklung von Herzog und Begleiter angetreten. Keine leichte Aufgabe für Goethe: als Mensch ist er der Freund Carl Augusts, als Geheimrat ist er sein Untergebener, als geistige Instanz ist er ihm weit überlegen.

Die Unternehmung steht im eigentlichsten Sinne unter einem guten Stern, eine höhere Leitung als das menschliche Wollen macht sich bemerkbar. Goethe und Carl August sind bereit, auf diese Zeichen zu achten. „Den Abend unsrer Ankunft [in Frankfurt] wurden wir von einem Feuerzeichen [Nordlicht] empfangen das wir uns zum allerbesten deuteten. […] Die Schweiz liegt vor uns und wir hoffen mit Beystand des Himmels […] unsre Geister im Erhabnen der Natur zu baden.“ (Goethe an Frau v. Stein, 20.9. und 24.9.1779)

3. Oktober, Abreise von Basel. „Durch den Rücken einer hohen und breiten Gebirgskette hat die Birs […] sich einen Weeg von uralters gesucht. […] Bald steigen an einander hängende Wände senkrecht auf, bald streichen gewaltige Lagen schief nach dem Fluss und dem Weeg ein […] Mir machte der Zug durch diese Enge eine grosse ruhige Empfindung. Das Erhabene giebt der Seele die schöne Ruhe, sie wird ganz dadurch ausgefüllt, fühlt sich so gros als sie seyn kann und giebt ein reines Gefühl, wenn es bis gegen den Rand steigt ohne überzulaufen. Mein Aug und meine Seele konnten die Gegenstände fassen, und da ich rein war, diese Empfindung nirgends falsch wiedersties, so wirkten sie was sie sollten. […] Man fühlt tief, hier ist nichts willkürliches, alles langsam bewegendes ewiges Gesez […]“ (Brief an Frau v. Stein, 3.10.1779)

„Die merckwürdige Tour durch die Bernischen Glätscher ist geendigt. […] wenn er [Herzog Carl August] die böse Art nicht hätte den Speck zu spicken, und wenn man auf dem Gipfel des Bergs mit Müh und Gefahr ist, noch ein Stiegelgen ohne Zweck und Noth mit Müh und Gefahr suchte […] Ich bin auch einigemal unmutig in mir drüber geworden […] Wenn ich aber wieder sehe […] wie er sonst von dieser Reise wahren Nuzzen hat, ist alles wieder weg. Er hat gar eine gute Art von Aufpassen, Theilnehmen, und Neugier […] Von dem Gesange der Geister habe ich wundersame Strophen gehört [wohl angesichts des Staubbachfalles, in Lauterbrunnen] […] Wind mischt vom Grund aus / Alle die Wogen. / Seele des Menschen, / Wie gleichst du dem Wasser! / Schicksal des Menschen, / Wie gleichst du dem Wind!“ (Brief an Frau v. Stein, 14.10.1779) Goethe versteht sich hier als Prinzenerzieher, indem er sich und den Herzog der Erfahrung von Natur aussetzt, diese dann mit ihm reflektiert und sie so zur Anschauung festigt. Was er Carl August nahebringen will, ist, dass der Mensch angesichts des Erhabenen alles Willkürliche in sich ablegen sollte, um zum reinen, beruhigten Gefühl seiner selbst zu gelangen.

Der Strahl des Wassers – „Im flachen Bette / Schleicht er das Wiesental hin, / Und in dem glatten See / Weiden ihr Antlitz / Alle Gestirne.“ –, die Seele des Menschen brauchen neben der Kontemplation auch die Herausforderung, die Schicksalserfahrung: „Ragen Klippen / Dem Sturze entgegen, / Schäumt er unmutig / Stufenweise / Zum Abgrund.“ (Gesang der Geister – siehe unten angefügt) Goethe spürt im Verlauf der Schweizer Reise mit Carl August zunehmend, dass dieser, und auch er selbst, jener zweiten Grunderfahrung bedarf, damit die Möglichkeiten, die Grenzen des eigenen Selbst sichtbar werden.
„Morgen solls nach den Savoyer Eisgebürgen und von da durch ins Wallis. […] Etwas zu leiden sind wir bereit, und wenn es möglich ist im Dezember auf den Brocken zu kommen [wie Goethe am 10. Dezember 1777], so müssen auch Anfangs November uns diese Pforten der Schröcknisse auch noch durchlassen.“ (Brief an Frau v. Stein, 2.11.1779) „Am liebsten gingen wir über die Furka auf den Gotthard […] Wir sind darüber ganz ruhig und hoffen von Augenblick zu Augenblick wie bisher von den Umständen selbst guten Rat zu nehmen.“ (Briefe aus der Schweiz 1779) „Fatale Ahndungen Erinnerung Enge böses Gefühl dass man im Sack stickt Hoffnung und Vertraun.“ (Tagebuch, 11.11.79) „Der Ausgang wird entscheiden, ob unser Mut und Zutrauen, dass es gehen müsse, oder die Klugheit einiger Personen, die uns diesen Weg mit Gewalt widerraten wollen, recht behalten wird. So viel ist gewiss, dass beide, Klugheit und Mut, das Glück über sich erkennen müssen.“ (Briefe aus der Schweiz 1779)

Was Goethe sich und dem herzoglichen Freund zumutet, ist zuerst eine Prüfung der eigenen physischen und psychischen Kräfte, ein kalkuliertes Risiko. Kalkuliert, weil nicht blindlings drauflos stürmend, sondern verantwortungsvoll abwägend: „[…] ich hier schon wieder die Leute examiniert habe, ob sie glauben, dass die Passage über die Furka offen ist; denn das ist der Gedanke mit dem ich aufstehe, schlafen gehe, mit dem ich den ganzen Tag über beschäftigt bin.“ (Briefe aus der Schweiz 1779) Risiko, weil ein Rest Ungewissheit bleiben muss, ja bewusst gewünscht wird – „das Glück über sich“, dessen letztgültige Entscheidung gesucht und anerkannt wird. Ein Prüfen mithin also auch der oberen Mächte: wieweit sie gewillt sind, einen zu tragen. Herausforderung der Zeichen von oben, nichts weniger hatte der achtundzwanzigjährige, vom Tode der geliebten Schwester Cornelia Verdüsterte, von der ambivalenten Liebe Frau von Steins Verunsicherte an jenem Wintertag gesucht, als er den Brocken bestieg – und er blieb nicht ohne Antwort damals: „[…] verlangte von dem Geist des Himmels viel […] (Brief an Frau v. Stein, 10.12.1778); „[…] die übermütterliche Leitung zu meinen Wünschen. Das Ziel meines Verlangens ist erreicht, es hängt an vielen Fäden, und viele Fäden hingen davon, Sie wissen wie simbolisch mein Daseyn ist […]“ (Brief an Frau v. Stein, 10.12.1777) Wird Goethe und mit ihm Carl August nun erneut eine Antwort zuteil werden?

12. November: „[…] sanken in tiefen Schnee […] nach viertehalb Stunden Marsch kamen wir auf den Sattel der Furka an, beim Kreuz wo sich Wallis und Uri scheiden [Furkapass, 2431 Meter über Meer] Es kam ein Lämmergeier mit unglaublicher Schnelle über uns hergeflogen; er war das einzige Lebende was wir in diesen Wüsten antrafen [„Dem Geier gleich, / Der auf schweren Morgenwolken / Mit sanftem Fittich ruhend / Nach Beute schaut, / Schwebe mein Lied. // Denn ein Gott hat / Jedem seine Bahn / Vorgezeichnet …“ (Harzreise im Winter) ] […] Die Träger, die eine grosse Freude hatten, von unserer glücklich vollbrachten Expedition zu reden, lobten unsere seltene Geschicklichkeit im Gehen, und versicherten, dab sie es nicht mit einem jeden unternehmen würden.“ (Briefe aus der Schweiz 1779) Die Antwort von oben ist auch diesmal nicht ausgeblieben.

13. November: Brief an Frau v. Stein: „Zum zweitenmal bin ich nun […] auf dieser Höhe [Gotthardpass], ich sage nicht mit was für Gedancken. Auch iezt reizt mich Italien nicht. Dass dem Herzog diese Reise nichts nüzzen würde iezzo, dass es nicht gut wäre länger von Hause zu bleiben, dass ich Euch wiedersehen werde, alles wendet mein Auge zum zweitenmal vom gelobten Lande ab, ohne das zu sehen ich hoffentlich nicht sterben werde […]“

In Zürich erwartet zuletzt nach dem Natur-Erhabenen nun das Sittlich-Erhabene auf die beiden: „Die Bekanntschafft von Lavatern ist für den Herzog und mich was ich gehofft habe, Siegel und oberste Spizze der ganzen Reise […] wenn durch Abwesenheit sich die Idee von ihm verschwächt hat, wird man auf’ s neue von seinem Wesen überrascht. Er ist der beste grösste weiseste innigste aller sterblichen und unsterblichen Menschen die ich kenne.“ (Brief an Frau v. Stein, etwa 22.11.1779)

„[…] diese Reise […] wie gewiss eine neue Epoche seines [Carl Augusts] und unsers Lebens sich davon anfängt. […] [in] seinen Gärten […] dorthin an einem schönen Plaz mögt ich ihm ein Monument […] sezen […] die Innschrifft: – Fortunae / Duci reduci / natisque / Genio / et / Termino / ex Voto [Der Göttin des Glücks / bei Ausreise und Heimkehr / und ihren Kindern / dem Genius / und / dem Terminus / dem Gelübde gemäss ] […] den ganzen Weeg den wir machen begleitet von einem guten Geiste […] dass wenn ich zurücksehe wir, zu so manchem das unsre reise ganz macht nicht durch unsern Wiz und Wollen geleitet worden sind. […] Das alles zusammen giebt uns eine Empfindung die ich nicht schöner zu ehren weis als womit alle Zeiten durch die Menschen Gott verehrt haben […]“ (Brief an Lavater, wohl 3./5.12.1779)

Quelle: http://www.goethe-gesellschaft.ch/schweizerreisen.html (Es wurden Auszüge verwendet.)

1779 kam Goethe während der zweiten Schweiz-Reise ins Berner Oberland. Er besuchte den berühmten Staubbach-Wasserfall von Lauterbrunnen. Dieses Naturereignis erregte sein höchstes Entzücken und bewog ihn, sein berühmtes Gedicht zu schreiben: Gesang der Geister über den Wassern:

 

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:

Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muss es,
Ewig wechselnd.
Strömt von der hohen,
Steilen Felswand
Der reine Strahl,
Dann stäubt er lieblich
In Wolkenwellen

Zum glatten Fels,
Und leicht empfangen
Wallt er verschleiernd,
Leisrauschend
Zur Tiefe nieder.
Ragen Klippen
Dem Sturz entgegen,
Schäumt er unmutig
Stufenweise
Zum Abgrund.
Im flachen Bette
Schleicht er das Wiesental hin,
Und in dem glatten See
Weiden ihr Antlitz
Alle Gestirne.
Wind ist der Welle
Lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus
Schäumende Wogen.
Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind!

 

Über den Autor

Relative Posts

Nachricht hinterlassen

Nachricht hinterlassen