Grand Hotel Glacier du Rhône, Gletsch, Obergoms (Furka / Furkapass)
Historische Hotels, Historisches, Sommerserie 2018

Grand Hotel Glacier du Rhône, Gletsch (Obergoms)

Liebesgrüsse vom Furkapass! Der Charme des Hauses, das Grandiose, Nostalgische und eine glamouröse Geschichte im traditionsreichen Grand Hotel Glacier du Rhône in Gletsch VS verlocken. Der Sommer-Alpenpalast wird jährlich auf’s Neue aus der winterlichen Eiszeit wach geküsst. Ein alpines Schmuckstück aus der Belle Epoque – auch heute!

Wanderbeschrieb

Das Grand Hotel Glacier du Rhône (+41 27 973 15 15) hat eine besonders eindrückliche Geschichte. Historisch gesehen ist es eines der wichtigsten Berghotels der Alpen. Hier spürt man der Belle Epoque und seinen illustren Gästen nach. Es ist ein grosser historischer Zeitzeuge der Entwicklung der Grand-Hotellerie der Schweiz. 

In Anbetracht der Geschichte des Hauses mögen es vielleicht wagemutige Männer sein, die 2015 ihren Vertrag unterzeichneten und sich dazu entschlossen haben, diesem altehrwürdigen Haus neues Leben einzuhauchen. Tobias und Mark Winkelmann zaubern nun seit 2016 jedes Jahr für nur wenige Sommermonate den «Kasten mit vielen Fenstern» in ein alpines Charme-Hotel. Sie bereiten den Gästen mit viel Leidenschaft und Können – beide Profi in der Gastronomie und Restauration – einen besonderen Aufenthalt. Es ist bewundernswert, wie sich beide für das Haus beherzt engagieren und jedes Jahr wieder von vorne beginnen. Die Belle Epoque darf beim «ewig jährlichen Neubeginn» gerne stehenbleiben. Hoffentlich machen die «Winkelmänner» dies noch lange! 

Das Hotel wird von den beiden Herren aus seinem Winterschlaf geweckt, damit es von etwa Juni bis September in seinem stolzen Glanz erstrahlen darf. Dafür sind beide früh im Jahr dran, der garstige Winter steckt noch in den Bergen, die Passstrassen offiziell geschlossen. Sie enthüllen die Möbel von den weissen Leintüchern, schrauben die Lavabo-Siphons ein, in denen ein einziger Restwassertropfen gefrieren und sie sprengen könnte, öffnen die schier unzähligen Fensterläden, befreien mit aller Kraft das Haus von der Winterstarre, bis alles rund herum und drinnen wieder in lebendiger Wärme erwacht.

Es braucht viel Engagement bis das Haus «aufgetaut» ist und sich die Gäste wieder in den gemütlichen Räumen einrichten können. Heute werden etwa 55 Hotelzimmer, Suiten und Zimmer, 11 davon mit eigenem Bad, zur Verfügung gestellt. Diniert wird im A-la-carte-Restaurant. Man trifft sich nach dem Mahl vor dem Cheminée in der Halle. Wie schön, es gibt keine «allerwelts-Fernseher» in den Zimmern. Es ist wie damals Lesen, Plaudern, Sinnieren, Entspannen angesagt. Nachts kehrt die Alpenruhe ein.


Das Grand Hotel Glacier du Rhône liegt in Gletsch bei gleich zwei Passstrassen auf 1759 Metern Höhe

 

Von gekrönten Häuptern, Adligen, Touristen und einem Agent der Krone, einer langen Geschichte

Sommer 1964 – Furkapassstrasse. Vielleicht wäre Tilly Masterson noch am Leben, hätten sich die beiden beim Grand Hotel Glacier du Rhône einen Martini – geschüttelt, nicht gerührt – genehmigt? Das Drehbuch hätte umgeschrieben werden müssen. Die Furkapassstrasse ist Kulisse eines legendären «James-Bond»-Films: «Goldfinger». Sean Connery lieferte eine unvergessene Verfolgungsjagd in seinem silbrigen Aston Martin DB5. Die Szenen gelten heute als Klassiker der Bond-Geschichte.

Es reisten auch gekrönte Häupter auf den Pässen Furka und Grimsel und machten Stopp in Gletsch. Während eines Tagesausfluges zum Rhônegletscher genoss Queen Victoria beim Grand Hotel Glacier du Rhône unter freiem Himmel «some delicious tea»; am 23. August 1868, was aus ihrem Reisebericht hervorgeht. Damals reichte die Gletscherzunge bis weit in den Talkessel hinein. Es dürfte der Queen wohl beim Anblick des Gletschers eine leicht erfrischende Brise über die Haut gehaucht worden sein. 

Sogar der portugiesische Thronfolger wurde beeindruckt vom erhabenen Bergpanorama und liebte wohl den Prunk im Grand Hotel. Die Fürstin Elsa von und zu Liechtenstein (1875-1947) verbrachte gerne ihre Zeit dort. Sie buchte gar jedes Jahr für einen Monat lang ein ganzes Stockwerk des Hotels.

Das Angebot des Hauses richtete sich nach den hohen Bedürfnissen des Hochadels aus. Glanz, Stil, Noblesse, Edles und Wertvolles ist mit der Belle Epoque verbunden; Streben nach dem Schönen. Ein Reisejournalist schrieb 1928, er habe als Tischgenossen «Gentlemen im Smoking und Ladies in tiefster Ausgeschnittenheit». Kellner im Frack, die gewisse persönliche Note mit Distinguiertheit gepaart mit höchster Aufmerksamkeit und «jeden Wunsch von den Augen ablesen zu können» waren unabdingbar. Noblesse oblige.

In der Blütezeit der Belle Epoque standen über 300 Betten im Grand Hotel Glacier du Rhône der noblen und internationalen Klientel zur Verfügung. 180 Angestellte erfüllten jegliche Wünsche. Die hoteleigene Bäckerei, Metzgerei, Käserei, Wäscherei erbrachten Höchstleistungen. Vor dem Aufkommen des Automobils reisten täglich bis zu 100 Gäste in ihren Kutschen an. Das Glacier du Rhône galt als «ausgezeichnet geleitetes» Hotel «in grossartiger Lage». «In diesem [fand] bei höchst vornehmer internationaler Gesellschaft, die in ein-, zwei, und dreispännigen Wagen herbeiströmt, auch der Tourist Berücksichtigung». (Karl Kinzel: Wie reist man in der Schweiz, von 1913)

Die Reise in der Kutsche talaufwärts von Brig über den Furka nach Göschenen dauerte vor der Motorisierung rund zwölf Stunden (Karl Baedeker: Die Schweiz, von 1893). Gletsch war Transitstation im Alpenverkehr, Touristentreffpunkt, alpine Karawanserei sowie Relaisstation für den Pferdewechsel im öffentlichen und privaten Kutschenverkehr. In den Stallungen wurden bis zu 200 Pferde versorgt.


Einst 1857 erbaut und als Gebirgshotel für die Blütezeit der beginnenden Grand Hotellerie ausgebaut

 


Gletsch: Hotelsiedlung mit Bedienstetenhaus, Wäscherei, Bäckerei, Stallungen, Bahnhof und von 1942-50 einem Wasserkraftwerk…

 


Man trifft sich heute noch immer am Cheminée in der Halle

 

Pionierleistungen

Nicht so komfortabel reisten andere Persönlichkeiten 1779 durch mannshohen Schnee über einen Grat am Furkapass. Es ist November, die Gefahr eines Absturzes oder einer Lawine ist gross. Johann Wolfgang von Goethe mit Landesfürst Carl August, Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach reisten von Basel nach Zürich – via Bern, Genf, das Wallis und den winterlichen Furkapass. Man hätte sich leicht den Tod holen können.

Es gab zu dieser Zeit noch keine Unterkünfte, keine touristischen Einrichtungen auf diesem alpinen Weg. Erst in Realp diente das Hospiz der Bruderschaft den Reisenden als Zwischenstation. «Wir wünschten vielmehr das Wallis bis an sein oberes Ende zu sehen, dahin wir morgen abend kommen werden; und wenn das Glück gut ist, so sitzen wir übermorgen um diese Zeit in Realp in dem Urserntal…» schrieb Johann Wolfgang von Goethe im Jahre 1779 in seinen «Briefen aus der Schweiz».

In den Jahren um 1830 kamen im Wallis im Talgrund und entlang den Passwegen erste alpine Gasthäuser in Betrieb. Am Anfang waren dies neu erstellte Berghütten oder umgebaute Wohnhäuser in Bergdörfern. Vermehrt kamen die Touristen immer weiter hinauf in die faszinierende Bergwelt, vor der man sich lange bedroht fühlte.

Zu diesen Pionierregionen gehörte die Alp am Fuss des Rhônegletschers. In den 1830er Jahren entstand eine seit Langem gewünschte Unterkunft zwischen dem Dorf Realp im Urserntal und dem Grimsel- sowie Furkapass. Aus dem Reisetagebuch des deutschen Philosophen Georg Wilhelm Friedich Hegel (1770-1831) ging die Gegend ein als eine die «an Öde und Traurigkeit alles übertrifft, was wir bisher sahen.» Nun ging es aufwärts.

 

Vom bescheidenen Steinhaus bis zu 19000 Reisenden, 300 Betten, 200 Pferden… 

Die Eröffnung des Wirtshauses auf dem Boden der Alp Gletsch erfolgte wohl im Sommer 1831. Die Unternehmer Joseph Anton Z(S)eiter von Obergesteln und Franz Kreuzer aus dem Unterwasser bei Oberwald errichteten eine bescheidene Herberge mit zwölf Betten in einem zweistöckigen Steinhaus mit Satteldach, was eher einer Alphütte glich. Die Erbauer konnten während 20 Jahren abgabenfrei die Unterkunft betreiben.

Die Ansprüche der Reisenden nahm nun stetig zu und das Steinhaus wurde in den Reiseführern für Gäste mit «mässigen Ansprüchen» angeboten. 1850 wurde es dann an einen neuen Besitzer verkauft. Die ersten Alprechte am Rhônegletscher erwarb 1857 der Notar Franz Seiler (1827-1865) – der Bruder des späteren Zermatter Hotelkönigs Alexander Seiler (1819-1891). Im Jahr 1858 gestattete der Staatsrat den Neubau eines Hotels. Die Errichtung wurde den Brüdern Franz und Alexander Seiler von der Alpgeteilschaft Gletsch zur Ausführung übertragen. 1860/61 entstand ein einfacher kubischer Steinbau mit drei Stockwerken ohne Zierformen.

Im Sommer 1864 war die neue Kutschenstrasse bis Gletsch befahrbar, im Herbst 1866 die Strecke über den Furkapass fertiggestellt und wurde sogleich eine äusserst beliebte Alpenstrasse. 1867 verkehrte erstmals eine Postkutsche zwischen Brig via Andermatt bis Chur.
Gletsch war dank Franz Seilers Geschick als offizieller Halt in den Fahrplan vermerkt. So machte die «diligence» in Gletsch «pour le dîner» eine einstündige Pause und die Nachmittagskurse sogar Halt über Nacht in Gletsch. Hier wurden die Pferde gewechselt. 

Nach dem überraschenden Tod von Franz Seiler 1865 übernahm sein Bruder Alexander die Geschicke des Grand Hotels Glacier du Rhône und leitete sogleich eine markante Bauphase ein, welche durch Josef Seiler dann weiter ausgebaut wurden. Die Besucherzahlen stiegen laufend markant an.

Mit der Vollendung der Fahrstrasse über den Grimselpass im Herbst 1894 wurde Gletsch zum inneralpinen Knotenpunkt zweier bedeutender Alpenstrassen. Die Schweizer Post beförderte kurz vor dem Ersten Weltkrieg mit Kutschen mehr als 19000 Reisende über Grimsel und Furka. Das Grand Hotel Glacier du Rhône von Josef Seiler hatte mit 300 Betten seinen Höhepunkt erreicht.

Während und nach dem Ersten Weltkrieg sanken die Gästezahlen deutlich. In den 20er Jahren kamen das Auto und die alpinen Postautolinien als neue Verkehrsmittel auf. Der Glacier-Express hielt ab 1930 täglich in Gletsch. So kamen Besucher zum Rôhnegletscher zurück. Nach der Eröffnung des Furka-Basistunnels im Sommer 1982 wurde der Hotelbetrieb schwieriger. Aufgrund der lage- und witterungsbedingten Beschränkung der Betriebszeit auf dreieinhalb Monate gab Hermann Seiler, der Mitte der 20er Jahre den Betrieb übernommen hatte, 1984 diesen auf. Neue Eigentümerschaft wurde der Kanton Wallis mit einer neuen Ausrichtung auf einen «Volkstourismus» (Walliser Bote, 02.10.1984). Es wurden umfangreiche Investitionen in die gastgewerblichen Betriebe gesteckt. Das Grand Hotel Glacier du Rhône wird heute saisonal während der Sommermonate betrieben.

 

Heute wie damals eine Perle und idealer Ausgangspunkt für tolle Wanderungen

Dank dem Engagement der beiden Gastgeber ist es heute wieder ein beliebter Treffpunkt von Reisenden jeglicher Art und natürlich von Grand-Hotel-Liebhabern. «Das Haus meint es gut mit uns, […], es merkt wohl, dass wir es schätzen.» (Interview SI, Mai 2017)

Naturverbundene finden hier eine ideale Ausgangslage für Wanderungen, Naturerkundungen, Pass- und Tageswanderungen im Gebiet zwischen Uri, Wallis und Bern. Der Rhônegletscher liegt nach wie vor zu Füssen nahe – trotz Gletscherschmelze. Durch den Klimawandel bilden sich viele Seen. Das Abschmelzen des Gletschers schenkt Pflanzen neuen Boden.  

Der Besuch der Eisgrotte lohnt sich. Ein bequem begehbarer, etwa 100m langer, blauer Eistunnel mit einer Eiskammer wird jedes Jahr neu in den Gletscher geschlagen. Ein tolles Spektakel.

Die Dampfbahn auf der Furka-Bergstrecke ist eine erlebnisreiche Reise durch die Naturlandschaft von Realp nach Oberwald mit Möglichkeit zum Zustieg/Ausstieg oder Stopp in Gletsch. 

Ein weiteres Highlight ist der Vier-Quellen-Weg, ein Teil der Etappe führt von Obergesteln via Oberwald und Gletsch bis hinauf zum Furkapass, mit toller Aussicht auf Rhônegletscher, Lauteraar- und Finsteraarhorn. Der Wanderweg führt zur Rhône-Quelle.

 Auf den Wanderspuren von Goethe ist dies heute natürlich viel bequemer dank dem Grand Hotel Glacier du Rhône auf dem Weg oder auch als Ausgangs-/Endpunkt einer Wanderung. 

Warum sich nicht mal eine «königliche Suite mit eigenem Bad» nach ausgiebiger Wanderung im legendären Grand Hotel Glacier du Rhône gönnen? 


Anglikanische Kapelle, erbaut 1907/08 von Hotelier Hosef Seiler nach eigenen Plänen

 

Grand Hotel Glacier du Rhône
Furkastrasse
3999 Gletsch VS
  +41 27 973 15 15
  www.glacier-du-rhone.ch
  

 

Wandervorschlag
  Vier-Quellen-Weg: Obergesteln (Goms) – Furkapass – Belvédère Furka (Rhônequelle)

 

 

Bilder: Grand Hotel Glacier du Rhône
Text: WegWandern.ch (Claudia Ruf)

Quellen: «Das Grand Hotel am Fuss des Rhônegletschers», «Berg-Hotels – zwischen Alpweiden und Gipfelkreuz» von Roland Flückiger-Seiler (Seiten 184-189), erschienen im Hier+Jetzt-Verlag

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