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Mythos Bushcraft: Funktioniert das Wildnis-Wandern auch in der Schweiz?

Fallholz, Messer, Feuerstahl. Wer interessant findet, wie daraus ein Feuer entsteht, hat alle Grundlagen zum Bushcrafter.

 

Mythos Bushcraft:
Funktioniert das Wildnis-Wandern auch in der Schweiz?

Man nennt es Bushcraft, was sich lose mit „Buschhandwerk“ übersetzen lässt. Ziel ist es, mit den eigenen Fertigkeiten und mehr oder weniger technischer Hilfe Feuer zu machen, im Wald zu nächtigen, grosse Querfeldeindistanzen zu bewältigen. Was vor einigen Jahren unter dem ebenfalls englischen Begriff „Survival“ ein grosser Trend war, feiert derzeit weltweit Auferstehung. Doch wer hat den Trend erneut losgetreten? Wie steigt man ein und vor allem: Funktioniert das, was ein Überleben in „echter“ Wildnis ermöglichen soll, auch in unserer kleinen Schweiz, wo kein Ort weiter als einen bestenfalls dreistündigen Fussmarsch entfernt ist? Der folgende Artikel zeigt es.

 

1. Wer hat’s erfunden?

Nein, dieses Mal war die Schweiz nicht beteiligt. Allerdings: Alles, was zum Bushcraften gehört, ist eigentlich nur ein auf moderne Zeiten umgelegtes Sammelsurium dessen, was der Mensch seit Jahrtausenden an Überlebenstechniken erlernte und was bei den durchschnittlichen Zivilisationsbewohnern nur noch rudimentär, wenn überhaupt vorhanden ist.

Auch wenn man ins Bushcraften sehr viel Geld stecken kann, sind die Grundlagen doch sehr einfach und ziemlich kostengünstig.

Erfunden hat es also quasi die ganze Menschheit. Aber zumindest einer der neuzeitlichen Wiederentdecker dieses „genüsslichen Selbstkasteiens“ in der rauen Natur kann benannt werden. Ein Brite namens Edward Michael Grylls. Einem grösseren TV-Publikum als Bear Grylls bekannt. Der ehemalige Elitesoldat zeigte dem Publikum, wie man sich mit geringsten Hilfsmitteln durch sämtliche unwirtlichen Klimazonen schlägt. Ein paar Spinoff-Shows und eine eigene Grylls-Messerlinie später war daraus eine Bewegung geworden. Eine, die für sich entdeckte, dass es durchaus Spass machen kann, ohne Feuerzeug ein Feuer zu entfachen oder eine Nacht im Wald nur mit einer Hängematte und darüber gespanntem „Tarp“ zu verbringen.

 

2. Bushcraft im Einzelnen

Dabei muss man einem weniger informierten Publikum natürlich erst einmal ein wenig aufschlüsseln, was Bushcraft eigentlich alles umfasst. Grundsätzlich sind damit zunächst einmal primäre Überlebenstechniken gemeint, also beispielsweise:

  • Improvisierung von Behausungen
  • Feuermachen
  • Organisieren von Nahrung und Wasser
  • Zurechtfinden in der Natur

Also quasi alles, was man bewältigen müsste, wenn man sich plötzlich in einer unbekannten Wildnis wiederfände. Genau hier liegt auch der Scheideweg der Bushcrafter: Ein Teil dieser Hobbyisten gehört einer „Back to the Roots“-Denkweise an. Dort wird das Überleben tatsächlich nur mit Naturgegenständen und solchen des täglichen Bedarfs trainiert. Da kommen durchaus beeindruckende Dinge dabei heraus, wie Hütten, die ohne ein einziges gekauftes Teil entstehen. Dieses Bushcraften ist teilweise fast schon experimentelle Archäologie.

Bushcraft ist nicht zwingend eine „Schönwetter-Veranstaltung“. Manche fühlen sich erst von Regen und Schnee geradezu herausgefordert.

Eine andere Fraktion verfährt indes nach der Denkweise, dass es gar nicht genug Ausrüstung geben kann, die einem das Überleben erleichtert. Und weil mit „Ausrüstung“ viel Geld zu machen ist, entwickelte sich eine komplette Industrie, die nur Dinge wie Feuerstähle, Kompaktäxte und anderes Bushcraft-Zubehör fertigt.

  

Bushcraft und das Wandern

Natürlich stellt sich dann direkt auch die Frage, ob Bushcraft überhaupt etwas ist, mit dem sich wandernde Herrn und Frauen Schweizer befassen müssen. Die kurze Antwort lautet Nein. Die ausführliche Antwort ist zwiespältiger.

Das bedeutet, rein aus Notwendigkeit wird man hierzulande niemals wirklich in die Verlegenheit kommen, ein paar Tage lang nur auf sich gestellt überleben zu müssen. Aber da sind ja auch noch andere Dinge: Beim Wandern schlägt das Wetter um und man muss aus dem Inhalt seines Rucksacks irgendwie einen Wetterschutz bauen. Oder man unterschätzt an einem heissen Tag seinen Wasserverbrauch und muss dann, um den Inhalt eines Bachs trinkbar zu machen, einen Wasserfilter improvisieren – das ist bereits Bushcraft und kann natürlich auch für Wanderer in der Schweiz seine Berechtigung haben.

Grundlegende Bushcraft-Techniken sind durchaus auch für normale Wanderer interessant. Etwa, wenn es darum geht, Trinkwasser zu filtern.

Und dann gibt es natürlich auch noch viele Menschen, die den Genuss einer Wanderung auf mehrere Tage ausdehnen und mit Wildcamping verbinden möchten. Schliesslich ist die Schweiz eines der wenigen europäischen Länder, die diese Form des Zeltens nicht rigoros verbieten. Und da stimmt die Bushcrafter-Aussage durchaus, dass eine Nacht in der Natur wesentlich imposanter ist, wenn man nicht im geschlossenen Zelt liegt, sondern nur mittels Schrägdach-Plane vom Himmel getrennt wird.

Bedenkt man dann noch, dass viele Bushcraft-Elemente auch im Garten hinter dem Haus funktionieren, dann hat Bushcraft auch bei uns durchaus seine Berechtigung als Hobby und etwaige Wander-Notwendigkeit.

 

Bushcraft-Ausrüstung für Wanderer

Natürlich stellt sich angesichts der zuvor genannten Wahrscheinlichkeiten die Frage, was sinnvolle Bushcraft-Ausrüstung ist. Vor allem unter der Massgabe, dass die wenigsten Wanderer sich mit „Übergepäck“ belasten wollen.

Die Anhänger der Ausrüstungs-Fraktion würden natürlich antworten „je mehr desto besser“. Und für sie mag das natürlich seine Richtigkeit haben, aber es geht ja um den normalen Ein- oder Zweitages-Wanderer, der einfach nur für die eine oder andere Eventualität gerüstet sein möchte. Und da schrumpft das Equipment schon auf einige wenige Ausrüstungsteile zusammen, die wirklich nicht schwer belasten.

Spezielle Waldläufer-Hängematten sind sehr leicht und ermöglichen zusammen mit einem Tarp-Dach ein äussert komfortables Nachtlager.

Grundlage all dessen ist, dass man sowieso die normale Ausrüstung für eine Tageswanderung trägt bzw. mit sich führt. Also:

  • Funktionsunterwäsche
  • Atmungsaktive Hemden
  • Wanderhosen
  • Softshelljacke
  • Leichte Thermojacke (nur bei befürchtetem Wetterumschwung)
  • Regenjacke- und Hose
  • Wanderschuhe und Rucksack

Zusätzlich zu diesen Grundlagen empfiehlt sich dann je nach Art der Wanderung (mit oder ohne Übernachtung) ein mehr oder weniger umfangreiches Bushcraft Zubehör-Paket ( * = wird nur fürs Übernachten benötigt):

  • Plane/Tarp
  • Schlafsack *
  • Hängematte *
  • Kleine Rolle mit 20m Paracord (reissfeste Kunststoffschnur)
  • Klappmesser mit arretierbarer Klinge (bitte Schweizer Waffenrecht zum Thema Messer beachten)
  • Zündstahl und Zunder
  • Kompass und Wanderkarte des Gebiets
  • Grosse Henkeltasse aus Metall
  • Dünnes Handtuch

Ergänzt man dies noch um ein kleines Erste-Hilfe-Set für Wanderer, wie es sie in den meisten Outdoorgeschäften zu kaufen gibt, hat man alles dabei, was es braucht, um Feuer zu machen, sich eine Lagerstätte / einen Wetterschutz einzurichten und sogar Wasser aufzubereiten – und die gesamte Ausrüstung (sieht man vom Schlafsack ab) wiegt keine 1‘000 Gramm und passt in die Aussentasche eines jeden Wanderrucksacks.

 

Rechtliche Lage

Wer den Artikel bis hierhin aufmerksam gelesen hat, der hat sicherlich auch schon bemerkt, dass Bushcraften unter Umständen Gebiete betritt, in denen man zumindest die rechtlichen Grundlagen hierzulande kennen sollte. Diesen will sich dieser Punkt widmen.

Grundsätzlich sieht es in der Schweiz natürlich so aus, dass Notlagen viele Gesetze ausser Kraft setzen. Wer sich etwa beim Wandern das Bein bricht und in einem Kanton, der kein offenes Feuer im Wald erlaubt, dennoch ein Feuer dort entfacht, um über Nacht nicht zu erfrieren, weil er keine Möglichkeit hatte, Hilfe zu rufen, handelt rechtlich völlig einwandfrei und muss keine Strafe fürchten. Anders sieht es freilich dort aus, wo man solche Elemente, die ja auch zum Bushcraften gehören, ohne Not und nur aus Spass an der Freude ausübt.

„Rambo-Messer“ braucht es fürs Bushcraften nicht. Ein Taschenmesser reicht aus. Es sollte aber zur Sicherheit unbedingt eine feststellbare Klinge haben.

  • Wildzelten ist wie bereits erklärt eine kantonale Angelegenheit und wird oft auch weiterhin in der Form des Zeltens unterschieden. So kann beispielsweise ein Zelt verboten sein, jedoch das Nächtigen im Biwaksack auf dem Waldboden völlig legal.
  • Feuer machen ist ebenfalls Sache der Kantone, gleichsam haben aber auch die Gemeinden die Möglichkeit, etwa bei Waldbrandgefahr, abweichende, strengere Regeln zu erlassen.
  • Das Sammeln von Nahrungsmitteln in der Natur, etwa Pilzen, regeln auch die Kantone. Manche haben auch uhrzeitabhängige Bestimmungen.
  • Tiere zu bejagen ist indes in der gesamten Schweiz ohne jagdrechtliche Erlaubnis eine Straftat. Und selbst bei Vorhandensein einer solchen darf man nicht mit „bushcraftigem“ Gerät wie Speeren, Bogen usw. auf die Pirsch gehen, in der Schweiz ist das Jagen mit urtümlichen Waffen

Ergo also grundsätzlich nichts, was den Wanderer mit Bushcraft-Ambitionen sonderlich belasten könnte. Allerdings betreffen die genannten Punkte nur öffentliches Gebiet. Auf Privatgelände, selbst wenn es nicht als solches klar gekennzeichnet ist (etwa ein Privatwald oder sehr ausgedehnter Garten) hat der Besitzer natürlich das Recht auf seiner Seite. Das heisst, auch wenn der Kanton oder die Gemeinde etwas erlauben, kann er es auf seinem Grund und Boden verbieten.

 

Bushcraft für Anfänger

Man kann sich ins Bushcraften einlesen, kann tausende Franken für Ausrüstung vom Wasserfilter bis zur Klapp-Axt ausgeben und wird doch in die Bredouille kommen, wenn man keinerlei Fertigkeiten hat, Ausrüsten und Wissen auch anzuwenden. Im Folgenden deshalb ein paar kleine Bushcraftereien, die man zuhause, zum Spass oder zum Üben, durchführen kann.

Ohne die üblichen Hilfsmittel Feuer zu machen und darauf einen Kaffee zu kochen, ist ein schöner Bushcraft-Snack für zuhause.

Schon mit solchen Kleinigkeiten lernt man die wichtigsten Grundlagen auf geradezu spielerische Weise – und erkennt zudem ziemlich schnell, ob man da nicht vielleicht sogar ein neues Hobby neben dem Wandern für sich entdeckt hat. Und wer dann auf den Geschmack gekommen ist, kann natürlich auch noch weitergehen. Kann sich beispielsweise bei einem bekannten Jäger erklären lassen, wie man Wild zerwirkt. Vielleicht sich mal ein Buch über essbare heimische Pilze und Kräuter zulegen oder auch eines, indem auf das (in der Schweiz verbotene) Jagen mit Fallen eingegangen wird. Schon so mancher Wanderer, der „einfach nur“ mal wissen wollte wie er – theoretisch – ohne Hilfsmittel ein Feuer machen kann, wurde so unversehens zum Bushcrafter und wandert heute nicht mehr auf den gut ausgebauten Schweizer Wanderwegen, sondern „Luftlinie“ und nächtigt im Urlaub im Wald statt im Sternehotel.

Und selbst wenn Bushcraft nichts für einen ist, so ist das Kennen solcher Grundfähigkeiten doch zumindest keine verschwendete Zeit. Denn zu wissen, wie man auch ohne die zivilisatorischen Errungenschaften durchkommt, ist ja nie verkehrt.

 

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